Kurz beantwortet
Blähungen kommen bei Säuglingen vor, sind aber seltener die Ursache abendlicher Unruhe als angenommen. Was hilft, ist Bauchlage im Wachzustand, sanfte Massage im Uhrzeigersinn, Wärme und ruhiges Tragen. Bei Fieber, blutigem Stuhl, Erbrechen oder schlechter Gewichtsentwicklung gehört es abgeklärt.
Das Kind zieht die Beine an, der Bauch fühlt sich hart an, und abends ist über Stunden nichts recht. Der Verdacht auf Blähungen liegt nahe – und er ist in vielen Fällen falsch. Was tatsächlich dahintersteckt, ist meist etwas anderes.
Was bei der Verdauung passiert
Der Verdauungstrakt eines Neugeborenen nimmt seine Arbeit gerade erst auf. Die Darmflora baut sich über Wochen auf, die Bewegungen des Darms sind noch unkoordiniert, und Luft wird beim Trinken zwangsläufig mitgeschluckt.
Dass dabei Gas entsteht und abgeht, ist normal. Auch ein Kind, das dabei die Beine anzieht und rot anläuft, hat nicht zwingend Schmerzen – Säuglinge müssen den Ablauf von Anspannen und Loslassen erst lernen.
Sichere Zeichen für Blähungen gibt es deshalb nicht. Angezogene Beine, ein gespannter Bauch und Unruhe treten auch ohne sie auf.
Warum Blähungen als Erklärung oft nicht tragen
Die abendliche Unruhe der ersten Monate wird fast immer der Verdauung zugeschrieben. Belegt ist das kaum: Kinder mit ausgeprägtem Schreien unterscheiden sich in Gasbildung und Verdauung nicht wesentlich von anderen.
Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel aus der Reifung des Nervensystems und der Menge an Eindrücken eines Tages. Das erklärt auch, warum die schwierigen Stunden typischerweise am späten Nachmittag liegen – dann ist der Tag voll.
Praktisch ändert das die Richtung der Hilfe: weniger Mittel gegen Gas, mehr Reduktion von Reizen.
Was bei Blähungen tatsächlich hilft
Bauchlage im Wachzustand. Der leichte Druck auf den Bauch tut vielen Kindern gut, und die Position hilft beim Abgehen von Luft.
Der Fliegergriff. Das Kind bäuchlings auf den Unterarm legen, Kopf in der Ellenbeuge. Kombiniert Wärme, Druck und Bewegung.
Sanfte Massage. Mit warmer Hand kreisend im Uhrzeigersinn über den Bauch – das entspricht dem Verlauf des Dickdarms.
Wärme. Ein angewärmtes Tuch oder ein Kirschkernkissen in geeigneter Temperatur, immer mit einer Schicht Stoff dazwischen.
Ruhe beim Füttern. Ein hastig trinkendes Kind schluckt mehr Luft. Bei der Flasche lohnt eine Pause in der Mitte, beim Stillen eine ruhige Umgebung.
Was Vorsicht verdient, sind Mittel und Tropfen. Für viele davon fehlen belastbare Belege, und manche sind für Säuglinge nicht geeignet – etwa alkoholhaltige Zubereitungen oder Tees mit bestimmten Ölen. Bevor du etwas gibst, gehört die Frage in die kinderärztliche Praxis. Das gilt besonders für Empfehlungen aus dem Umfeld, die oft eine Generation alt sind.
Wie du unterscheidest, ob dein Kind Schmerzen hat
Ein Kind, das tatsächlich Bauchschmerzen hat, wirkt anders als eines, das unruhig ist. Es lässt sich schwer ablenken, das Schreien klingt anhaltender, und Positionswechsel bringen kurzfristig Erleichterung.
Dagegen spricht, wenn ein Kind sich durch Tragen, Bewegung oder eine ruhige Umgebung beruhigen lässt. Schmerz verschwindet nicht, weil jemand aufsteht und herumgeht.
Ein weiterer Anhaltspunkt ist der Zeitpunkt: Beschwerden direkt nach dem Trinken sprechen eher für Luft im Bauch, abendliche Unruhe unabhängig von Mahlzeiten eher für Überreizung.
Was mit der Ernährung der Mutter ist
Die Liste angeblich blähender Lebensmittel – Kohl, Zwiebeln, Hülsenfrüchte – hält der Prüfung nicht stand. Was Blähungen bei einem Erwachsenen verursacht, gelangt nicht in dieser Form in die Muttermilch.
Was ein Kind tatsächlich nicht verträgt, ist individuell und selten vorhersehbar. Wer einen Zusammenhang vermutet, kann ein Lebensmittel für etwa eine Woche weglassen und beobachten – aber nur eines, sonst lässt sich nichts zuordnen.
Von pauschalen Verzichtslisten ist abzuraten. Sie schränken die eigene Ernährung in einer Phase mit erhöhtem Bedarf ein, ohne dass ein Nutzen belegt wäre.
Was bei Flaschenkindern zu prüfen ist
Hier gibt es tatsächlich ein paar Stellschrauben. Die Saugergröße sollte zum Alter passen – fließt die Milch zu schnell, wird mehr Luft geschluckt.
Beim Anrühren lohnt es, nicht kräftig zu schütteln, sondern zu rühren oder die Flasche zu rollen. Weniger Schaum bedeutet weniger Luft.
Und die Haltung: möglichst aufrecht füttern, den Sauger vollständig mit Milch gefüllt halten.
Was zum Stuhl zu wissen ist
Er verändert sich in den ersten Wochen stark. Gestillte Kinder haben oft dünnen, gelblichen Stuhl, teils nach jeder Mahlzeit, teils nur alle paar Tage – beides ist normal.
Ein seltener Stuhlgang allein ist kein Grund zur Sorge, solange er weich bleibt und das Kind zufrieden ist. Erst harte Kügelchen, sichtbares Pressen mit Schmerzen oder Blut sprechen für Verstopfung.
Mit dem Beikoststart ändert sich alles noch einmal – fester, dunkler, seltener. Auch das gehört dazu.
Was beim Aufstoßen zu beachten ist
Nach dem Trinken aufstoßen zu lassen ist sinnvoll, aber kein Muss – nicht jedes Kind hat Luft im Magen, und manche stoßen ohne Zutun auf.
Was funktioniert: das Kind aufrecht an die Schulter legen und sanft über den Rücken streichen, mit leichtem Klopfen von unten nach oben. Auch der Sitz auf dem Oberschenkel mit gestütztem Kinn funktioniert gut.
Wenn nach einigen Minuten nichts kommt, ist das in Ordnung. Länger zu warten bringt selten etwas, und ein Kind, das dabei einschläft, muss nicht geweckt werden.
Wann etwas anderes dahintersteckt
Abgeklärt gehören: Fieber, Erbrechen, blutiger oder schleimiger Stuhl, ein harter gespannter Bauch mit starken Schmerzen, deutlich weniger nasse Windeln, schlechte Gewichtsentwicklung und ein Kind, das sich gar nicht mehr beruhigen lässt.
Ebenso lohnt ein Termin, wenn die Unruhe über Wochen zunimmt statt nachzulassen oder wenn sie erstmals nach dem dritten Monat beginnt – dann liegt die typische Phase bereits hinter euch.
Was du im Alltag beobachten kannst
Wenn die Unruhe über Wochen anhält, lohnt es sich, für ein paar Tage grob zu notieren, wann sie auftritt: nach welchen Mahlzeiten, zu welcher Tageszeit, wie lange.
Aus so einer Aufstellung wird oft schnell erkennbar, ob es tatsächlich mit dem Essen zusammenhängt oder ob die Zeiten unabhängig davon immer dieselben sind. Letzteres spricht für Überreizung, Ersteres eher für den Bauch.
Und falls ein Termin nötig wird, hat man konkrete Angaben statt eines Eindrucks. Das hilft in der Praxis mehr als die Beschreibung, das Kind habe viel geweint.
Wie lange das dauert
Bei den meisten Kindern lässt die abendliche Unruhe zwischen dem dritten und vierten Monat deutlich nach. Das fällt mit der Reifung des Nervensystems zusammen und damit, dass Kinder mehr können – greifen, sich drehen, die Umgebung erkunden.
Bis dahin gilt dasselbe wie in der Schreiphase: Nähe, Reduktion, Verlässlichkeit. Und die Aufteilung zwischen beiden Elternteilen, weil diese Stunden zermürben.
Zusammengefasst: Blähungen kommen vor, erklären aber weniger, als ihnen zugeschrieben wird. Was hilft, ist unspektakulär – Wärme, Bewegung, Bauchlage, ruhiges Tragen und weniger Reize am Abend. Was Zurückhaltung verdient, sind Mittel ohne belegte Wirkung. Und was zählt, ist die Beobachtung: Ein Kind, das sich beruhigen lässt und gut zunimmt, hat kein Problem, das behandelt werden müsste.
Was in den ersten Wochen sonst hilft, steht unter Schreiphase. Warum Bauchlage wichtig ist, steht unter Bauchlage, und was beim Spucken gilt, unter Spucken.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich Blähungen?
An angezogenen Beinen, einem gespannten Bauch, Unruhe kurz nach dem Trinken und hörbarem Abgehen von Luft. Sichere Zeichen gibt es allerdings nicht – vieles davon tritt auch ohne Blähungen auf.
Was hilft am besten?
Bauchlage im Wachzustand, sanfte Massage im Uhrzeigersinn, Wärme auf dem Bauch und ruhiges Tragen im Fliegergriff. Wirksamer als jedes Mittel ist meist die Kombination aus Wärme und Bewegung.
Sind es wirklich Blähungen?
Häufig nicht. Abendliche Unruhe in den ersten Monaten wird meist damit erklärt, hängt aber überwiegend mit der Reifung des Nervensystems und der Menge an Tageseindrücken zusammen.
Muss ich beim Stillen auf meine Ernährung achten?
In der Regel nicht. Die verbreitete Liste blähender Lebensmittel hält der Prüfung nicht stand – was ein Kind über die Milch nicht verträgt, zeigt sich individuell und ist selten vorhersehbar.
Wann gehört es abgeklärt?
Bei Fieber, Erbrechen, blutigem oder schleimigem Stuhl, einem harten gespannten Bauch mit starken Schmerzen, schlechter Gewichtsentwicklung oder wenn ein Kind sich gar nicht mehr beruhigen lässt.
Quellen
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Entwicklung im ersten Lebensjahr
- Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: U3 – dritte Vorsorgeuntersuchung
- Netzwerk Gesund ins Leben (BZfE): Handlungsempfehlungen im 1. Lebensjahr
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Risiken vorbeugen
Zuletzt geprüft am 22.08.2026
Ariane Nagel
Schreibt bei 1000tage.de über Ernährung, Schlaf und Entwicklung. Mutter von vier Kindern, die den Beikoststart auf vier verschiedene Arten erlebt haben – einmal nach Lehrbuch, dreimal überhaupt nicht. Genau daraus entsteht der Blickwinkel dieser Texte: Empfehlungen werden benannt, aber auch die Spannbreite dessen, was im Alltag davon übrig bleibt. Prüft jede Aussage gegen die Handlungsempfehlungen der Fachgesellschaften.